Ellen Page: „Ich würde mir ja eine Welt wünschen, in der Scarlett Johanssons Gage sich nicht nach der Größe ihrer Brüste berechnet“

Sexismus in Hollywood, Feminismus, Digitalisierung der Filmindustrie, Experimental-Theater, Scorsese-Zitate, Schlafwandeln – die Themenpalette, über die ich mit Ellen Page für mehrere Termine für für das PS3-exklusive Spiel „Beyond: Two Souls“ gesprochen habe, war schier endlos. Bedanken muss ich mich hier bei Sony Playstation, denn es gab keinen anderen Journalisten, der Ellen so oft treffen konnte wie ich. Zur Enthüllung in Paris, zum Tribeca Film Festival in New York und schließlich zur Red-Carpet-Premiere wieder in Paris. Zahlreiche Kollegen fragten, ob mir nicht irgendwann die Fragen ausgehen würden, doch das war nicht der Fall. Natürlich hat Ellen zu Beginn auch das übliche PR-Bla abgeseilt, das du als Journalist irgendwann komplett ausblendest. Doch ab einem gewissen Punkt war da auch eine persönliche Ebene, vielleicht sogar so etwas wie Vertrauen. Immer öfter sind wir abgeschweift vom klassischen Thema des Spiels und reingerutscht in Themengebiete, die ihr noch ein bisschen mehr am Herzen liegen. Sie wünscht sich eine Welt, in der Schauspielerinnen wie Scarlett Johansson nicht für ihre Doppel D’s gecastet werden, sondern für ihr Talent und ihre Leidenschaft für die Schauspielerei.

Für Kunst oder zumindest eine gute Mischung aus Kommerz und Kunst. Ohne den schnöden Mammon funktioniert ja keine Branche.

Ellen kommt dabei zu Gute, dass sie noch nicht komplett „Interview-versaut“ ist und von ihrer Agentin nicht abgeschirmt wird wie ein zahmes Lamm vor der Löwenherde der Journalisten.

EllenBenni Hollywood-Stars haben nicht nur Agenten, sondern auch einen inneren Stop-Button, der gefühlt rot blinkt, sobald ein Journalist vom gewünschten Fragen-Kkanon abweicht. Das ist verständlich, schließlich gibt’s da draußen genug Yellowpress, die ausschließlich mit Schmutz, Dreck und erfundenen Sex-Geschichten Auflage machen und Klicks reinholen. Unvergessen die Fahrstuhl-Nummer im Chateau Marmont, die angeblich Johansson mit Benicio del Toro geschoben haben soll. Wer je im Marmont war, weiß dass das ein sehr intimes und eher kleines Hotel direkt am Sunset Boulevard ist und damit völlig ungeeignet für einen Quickie. Doch reden wir nicht über Gossip und Wer-mit-Wem, fangen wir lieber an mit dem Interview mit Ellen, was ich hier einfach mal im ungekürzten Langformat poste:

„Ihr wollt einem 15-Jährigen Mädchen die Möglichkeit nehmen Sex zu haben ohne schwanger zu werden, aber jeder Idiot darf mit einer Waffe rumrennen. Fuck you!“ So hast du das im Juli 2013 auf Twitter geschrieben. Tausende Fans haben einen Like dagelassen und es geretweetet, andere dich hart attackiert. Besonders ins Gedächtnis hat sich mir ein Kommentar Marke „Du bist nur eine Schauspielerin, was weißt du schon von der Welt“ ins Gedächtnis gebrannt. Was denkt man in einem solchen Moment? 

Ellen: „Man schüttelt mit dem Kopf, schreibt eine fiese Beleidigung, löscht sie wieder und überlegt wie man niveauvoll darauf antworten kann. Ich verstehe nicht, warum eine Schauspielerin weniger mündig sein sollte als ein Banker oder Politiker? Es mag vielleicht daran liegen, dass Hollywood-Schauspielerinnen sehr stark mit leichten Themen wie Beauty oder Fashion in Verbindung gebracht werden, aber wir alle haben auch einen Kopf zum Denken. Wir haben Schulen besucht, einige studiert, auf jeden Fall aber eine Meinung. Nur darfst du die offensichtlich nicht so frei äußern, sobald dir von anderen Menschen der Stempel „Celebrity“ aufgedrückt wird…
Wobei dieser Stempel ja auch viele Türen öffnet viele deiner Schauspielkolleginnen sehr reich gemacht hat. Wärest du lieber weniger bekannt? 

Ellen: „Hmm, das ist eine gute Frage. Bekannt zu sein öffnet dir Türen, das stimmt. Hätte ich Juno nicht gedreht, hätte mich mit hoher Wahrscheinlichkeit Chris (Christopher Nolan, Anm. d. Autors) nicht gefragt, ob ich in „Inception“ eine Hauptrolle spielen möchte und wir würden nicht hier sitzen um über „Beyond“ zu sprechen – quasi eine neu geöffnete Tür ins Gaming-Reich. Aber ich möchte auch kein Accessoire sein, das man beliebig herumreicht und das keine eigene Meinung hat. Nichts gegen dich, aber ich muss hier schon auch mal deinen Berufsstand kritisieren: wenn Kollegen oder ich einen Tweet absetzen, dann wird der sehr gerne aus dem Zusammenhang gerissen und einfach als Schlagzeile verwendet. Das nervt. Wenn ein Journalist einen meiner Tweets nutzen möchte, soll er mir eine Nachricht schicken und ich sage klar „ja“ oder „nein“. Ist doch eigentlich nicht so schwierig.

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Du hast in unseren letzten Gesprächen oft anspruchslose Frauenrollen kritisiert. Doch ist das nicht generell ein systemisches Problem? Wenn wir uns alle wichtigen Filme des Jahres anschauen, dann finden sich dort auch für Männer in erster Linie Rollen im Action – und Comedy-Bereich, gerne auch in Kombination. Ein Chris Evans spielt ja keine andere Rolle als Scarlett Johansson in einem „The Avengers“. Gerade im Blockbuster-Bereich scheint mir die Quote recht ausgeglichen….

Ellen: Ich gehe da eher nach Screentime, wo ich klar zwischen einem „Iron Man“ und „The Avengers“ unterscheiden würde. In dem einen Film ist sie ein paar Minuten zu sehen, hat eine coole Actionsequenz und dient sonst als Eye-Candy. In dem anderen ist sie ein integraler Bestandteil des Films. Nur damit wir uns nicht missverstehen (sie grinst): ich halte nicht viel davon schauspielerische Qualitäten in Schubladen zu stecken. Eine Charakterdarstellerin ist nicht zwingend eine bessere Schauspielerin und ihr Job auch nicht umbedingt anspruchsvoller als wilde Actionszenen zu drehen. Scarlett ist extrem fit, darum beneide ich sie ein bisschen (sie lacht). Nicht jede Frau kann aus dem Stand ein Rad schlagen, einen Salto machen und generell all die Kampfkünste, die sie über die Jahre trainiert hat.

Welche Rollen spielst du denn lieber?

Ellen: Ich glaube wir Menschen sehnen uns immer nach dem, was wir nicht so gut können. Ich bin keine Actionheldin, habe aber großen Spaß an Szenen, bei denen auch gerne mal etwas in die Luft fliegen darf. In „Inception“ jagen wir ja ständig etwas in die Luft, etwa dieses Hotel, was in einem Hangar gebaut und hydraulisch drehbar war. Auch in „X-Men: Zukunft is Vergangenheit“ habe ich einige verdammt coole Szenen. Aber ich liebe auch das Minenspiel, emotionale Rollen, die dich menschlich an die Grenzen bringen. Deshalb versuche ich meine Manöverkritik an Hollywood auch immer auf Fakten basieren zu lassen, statt einfach drauflos zu poltern. Denn natürlich habe ich dem „System“ letztlich unfassbar viel zu verdanken. Ich produziere ja auch eigene Indie-Filme, vor allem in Kanada. Dort gibt es kaum Filmförderung und generell nur sehr geringe Budgets. Wenn man dann nicht ganz unbekannt ist, kann das durchaus wieder die von dir so gerne zitierte Türe öffnen. Bei jedem Projekt gibt immer wieder neue Facetten und vor allem auch wunderbare Kollegen, die einen inspirieren. Ich bin selbst Öko-Aktivistin und die Natur liegt mir sehr am Herzen. Deshalb war es toll in Schweden „The East“ zu drehen, quasi einen Action-Thriller mit sehr ernster und erwachsener Thematik. Ich glaube Action ist ein gutes Vehikel um Menschen für ein Thema zu erreichen, das sie sonst vielleicht weniger interessiert. Wäre „The East“ eine Dokumentation gewesen, wären viel weniger Leute ins Kino gegangen.

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Wo wir gerade über deine Indie-Projekte reden. Wie ist das vom Set mit Leonardo Di Cabrio oder Hugh Jackman zu kommen und dann einen kleinen Film in Kanada zu drehen, wo man finanziell sehr viel mehr haushalten muss? 

Es ist fantastisch für die eigene Entwicklung. Es hat seinen Grund, warum die besten Schauspieler mal am Theater gespielt haben. Denn dort muss alles sitzen, dort arbeitest du nicht mit Netz und doppelten Boden. Wir haben Szenen für „Inception“ hunderte Male gedreht, bis sie perfekt waren. Es ist gut diese Indie-FIlme zu spielen, weil es dich auch einfach erdet. Weil es dir zeigt, das Schauspielerei nicht zwingend ein Geschäft sein muss, sondern genau so gut einfach eine Leidenschaft. Aber um auf deine erste Frage zu antworten. Ganz ehrlich: Hugh ist der netteste Mensch auf diesem Planeten (sie lacht). Er ist einfach großartig, ein Typ, mit dem man über alles reden kann. Leo ist vielleicht ein bisschen verschlossener, aber hey das bin ich ja eigentlich auch. Womit wir wieder zu deiner ersten Frage kommen: wir Schauspieler sind einfach nur Menschen. Es mag sein, das mich ein paar mehr Leute kennen als dich. Und Leo ein paar mehr Leute als mich, aber das macht ihn oder mich nicht wertvoller als der Bäcker, von dem wir morgens unseren Kaffee holen.

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